Stillstand als Strategie: Drei Mittelständler, die ihre Altsysteme einfach weiterlaufen lassen
Photo: Columbus Metropolitan Library, No restrictions, via Wikimedia Commons
In vielen Vorstandsetagen herrscht seit Jahren eine unausgesprochene Übereinkunft: Altsysteme müssen weg. Migration, Modernisierung, Cloud-First – die Folie ist immer dieselbe. Doch ein wachsender Teil des deutschen Mittelstands zieht eine andere Konsequenz aus der Bilanz seiner Systemlandschaft: Er tut nichts. Nicht aus Verzagtheit, sondern nach Abwägung. Das Alt-ERP läuft stabil, die Schnittstellen sind dokumentiert, das Personal kennt jede Eigenheit – warum also ein Projekt starten, das acht Stellen frisst und am Ende dieselben Geschäftsprozesse abbildet?
Fall eins: Der Maschinenbauer, der seine Migration absagte
Ein Familienunternehmen aus dem Schwäbischen mit rund 400 Beschäftigten betreibt seit 2004 ein selbst konfiguriertes ERP auf einer AS/400-Umgebung. Der Vorstand ließ 2023 eine Machbarkeitsstudie zur Ablösung erstellen. Ergebnis: Migrationskosten von rund 1,8 Millionen Euro, ein Projektrisiko von über einem Jahr Betriebseinschränkung, bei einem System, das in fünf Jahren genau zwei Störfälle verzeichnete.
Die Entscheidung fiel anders als erwartet: Das System wurde in eine abgeschottete Netzwerkzone verlagert, die Schnittstellen zu Warenwirtschaft und Versand per Middleware stabilisiert, und die Wartung an einen auf IBM-i-Systeme spezialisierten Dienstleister übertragen. Die jährlichen Betriebskosten liegen nachweislich unter den Abschreibungen einer Neubeschaffung. Die Ersparnis fließt inzwischen in die Digitalisierung des Vertriebs – dort, wo der Wettbewerbsumdruck tatsächlich spürbar ist.
Fall zwei: Dokumentation statt Neuanschaffung
Ein Logistikdienstleister aus Nordrhein-Westfalen verfolgte einen anderen Weg. Sein Frachtabrechnungssystem aus den späten Neunzigern war unersetzlich – der Quellcode lag teils nur auf Papier und in den Köpfen zweier Rentner. Statt zu migrieren, investierte das Unternehmen in ein halbes Jahr Dokumentationsarbeit: Prozessbeschreibungen, Quellcode-Retrospective, Testfälle für jede Abrechnungsvariante.
Der Punkt ist nicht romantisch gemeint, sondern ökonomisch: Erst die Dokumentation machte das System handhabbar – für den Weiterbetrieb ebenso wie für eine spätere Ablösung zu besseren Konditionen. Wer sein Alt-System versteht, verhandelt anders mit Beratungsunternehmen. Wer es nicht versteht, zahlt den Unsicherheitsaufschlag in jedem Angebot.
Fall drei: Die Isolationsstrategie
Ein Baustoffhändler aus Sachsen kombiniert beides. Das alte Kalkulationssystem läuft im Inselbetrieb, ohne direkte Anbindung an das Unternehmensnetz, gespeist über einen streng kontrollierten Datenstich. Neue Prozesse – Kundenportal, Preisabfragen, Disposition – entstehen vollständig in modernen Systemen. Das Altsystem wird nicht ersetzt, sondern schrittweise umgangen: Jahr für Jahr wandern einzelne Funktionen ab, ohne dass ein Projektende terminiert wäre.
Wann 'Nichts tun' die richtige Entscheidung ist
Aus diesen Fällen lassen sich Entscheidungskriterien ableiten, die über Bauchgefühl hinausgehen:
- Betriebsstabilität: Tritt das System in Jahren nicht durch Ausfälle auf, fehlt das zentrale Argument für die Ablösung.
- Sicherheitslage: Kann das System isoliert, gepatcht oder über Netzwerksegmentierung hinreichend geschützt werden? Ein ungeschütztes Alt-System im Netzwerk ist keine Strategie, sondern ein Risiko.
- Personelle Absicherung: Existieren Dokumentation und mindestens zwei Personen im Unternehmen oder beim Dienstleister, die das System verstehen?
- Geschäftsnutzen: Bildet das System einen Prozessteil ab, der sich durch moderne Software messbar verbessern ließe – oder nur denselben Prozess in neuer Oberfläche?
- Exit-Fähigkeit: Bleibt die Option einer späteren Ablösung offen und finanzierbar?
Sind alle fünf Fragen zugunsten des Bestands beantwortet, ist der Weiterbetrieb keine Nachlässigkeit, sondern eine rationale Kapitalallokation. Die freigewordenen Mittel stehen dann für Vorhaben zur Verfügung, die echten Geschäftsnutzen versprechen.
Das Gegenargument: Stillstand ist nie ganz still
Ein Vorbehalt bleibt: Auch ein unverändertes System verändert sich in seiner Umgebung. Betriebssystemversionen laufen aus, Fachkräfte wechseln, Schnittstellenpartner modernisieren ihrerseits. Wer sich für Stillstand entscheidet, braucht daher einen befristeten Prüfzyklus – eine jährliche Kurzbewertung, die Kosten, Risiken und Umfeld neu abwägt. Stillstand als bewusste Strategie heißt: regelmäßig entscheiden, nichts zu tun. Nicht: einmal entscheiden und dann vergessen.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen dem Mittelständler, der sein Altsystem kontrolliert weiterbetreibt, und demjenigen, der es schlicht verdrängt. Ersterer hat eine Entscheidung getroffen. Letzterer hat keine getroffen – und wird sie eines Tages unter Zeitdruck und zu Höchstpreisen treffen müssen.